07. Februar 2019

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Vermehrte individuelle Lohnerhöhungen bergen die Gefahr für strukturelle Lohnungleichheiten

Die Ergebnisse der Lohngespräche 2018 sind für den Kaufmännischen Verband (kfmv) nur teilweise befriedigend: Die formulierten Branchenforderungen von 1 bis 2% konnten grösstenteils nicht erreicht werden. Der kfmv nimmt die Abnahme der generellen hin zu vermehrter individueller Lohnerhöhungen und das damit verbundene Risiko struktureller Lohnungleichheiten mit Besorgnis zur Kenntnis. Arbeitnehmende haben nur bedingt am wirtschaftlichen Aufschwung teil.


Kaufkraftverlust trotz positiver Wirtschaftsentwicklung

Das BIP ist im Jahr 2018 um überdurchschnittliche 2.6% gewachsen und auch die Auftragsbücher der Unternehmen waren gut gefüllt. Dieser positiven Konjunkturentwicklung stehen steigende Krankenkassenprämien und Konsumentenpreise gegenüber. Bereits im August 2018 forderte der kfmv daher, je nach Branche, zwischen 1% und 2% mehr Lohn für das Jahr 2019. Dies, um die Kaufkraft der Arbeitnehmenden im Hinblick auf die prognostizierte Teuerung zu erhalten. Bereits 2017 mussten die Arbeitnehmenden einen Reallohnverlust hinnehmen. Diese Tendenz hat sich auch 2018 fortgesetzt (siehe Grafik 1). Mit einer Teuerung von 0.9% und steigenden Krankenkassenprämien hat sich die Kaufkraft der Arbeitnehmenden erneut verringert, was zu negativen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum führt.

Gedämpfte Lohnentwicklungen für 2019

Um die Existenz der Arbeitnehmenden ökonomisch zu sichern und dem Reallohnverlust entgegenzuwirken, ist die Teuerung periodisch auszugleichen. Angestellte sollen ausserdem an Produktivitätssteigerungen der Unternehmen beteiligt werden. Dafür hat sich der kfmv 2018 erneut eingesetzt und positive Lohnentwicklungen mit dem Personalverleih, dem Detailhandel und dem Luftverkehr verhandelt. Für einen Grossteil der Arbeitnehmenden werden die Löhne im Jahr 2019 zwischen 0.5% und 1% steigen. Diese Ergebnisse bewertet der kfmv jedoch nur als teilweise befriedigend: Die zuvor formulierten Branchenforderungen konnten in Höhe grösstenteils nicht erreicht werden. Bei acht von zwölf Unternehmen, mit denen der kfmv Lohngespräche geführt hat, konnten ausschliesslich teilgenerelle oder individuelle Lohnerhöhungen erwirkt werden. Auch haben zwei Unternehmen sowie das Holzbaugewerbe keiner Lohnerhöhung zugestimmt (siehe Grafik 2).

Zunahme der individuellen Lohnverteilung

Während generelle Lohnerhöhungen vor rund zehn Jahren noch dem Standard entsprachen, hat sich die Verteilung der Lohnmassnahmen in letzter Zeit drastisch verändert. In den letzten drei Jahren kamen nur noch knapp ein Drittel der Lohnerhöhungen allen Arbeitnehmenden zugute, während rund 70% der Lohnerhöhungen – insbesondere im Dienstleistungssektor – individuell erfolgt sind (siehe Grafik 3). Die Mehrzahl der Arbeitnehmenden ist demnach von allfälligen Lohnmassnahmen ausgeschlossen und kann seine Kaufkraft nicht sichern, resp. ausgleichen.

Individuelle Lohnerhöhungen werden oft nach Leistung verteilt, was von Mitarbeitenden als äusserst subjektiv empfunden wird. Für Messung und Beurteilung von Leistung fehlen oftmals geeignete Kriterien. Caroline Schubiger, Leiterin Beruf und Beratung a.i. beim kfmv, warnt davor, dass individuelle Lohnerhöhungen das Lohnsystem eines Unternehmens torpedieren können: «Indem die Lohnmassnahmen nicht mehr gesamthaft betrachtet werden, können subjektive und somit diskriminierende Lohnverteilungen zunehmen.» Bemühungen zur Gleichstellung und Lohngleichheit werden erschwert, gar untergraben. Schubiger führt fort: «Faire Lohneinstufungen und -entwicklungen, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Sympathien von Vorgesetzten, bilden die Grundlage für ein diskriminierungsfreies Lohnsystem und stellen sowohl für Angestellte als auch für Unternehmen einen grossen Mehrwert dar.»

Vereinzelte Lichtblicke im Luftverkehr und Detailhandel

Dass es trotz angespanntem Marktumfeld auch anders geht zeigt beispielsweise Swissport International Basel. «Wie alle Branchen versuchen wir Kosten durch Effizienzsteigerungen wie Prozessverbesserungen, Automatisierung und Flexibilisierung auf allen Ebenen aufzufangen. Nur mit Kostensparen rettet man aber kein Geschäft», erklärt Gion-Pieder Pfister, Senior Vice President & CEO Swissport International Basel. Das Unternehmen stimmte einer generellen Lohnerhöhung von 1.1% für alle Mitarbeitenden im Monats- wie auch im Stundenlohn zu. Sie kommt insgesamt 500 Angestellten zugute und stellt einen vollen Teuerungsausgleich sicher. «Swissport International unterstützt das Prinzip, dass herausragende Leistung belohnt werden soll.» betont Pfister.

Ein weiterer zu begrüssender Kaufkraftausgleich erfolgte im Detailhandel: Trotz zahlreicher struktureller Transformationen sieht Globus neben individuellen Lohnerhöhungen eine generelle Saläranpassung von 0.5% für Mitarbeitende der tieferen Lohnstufen vor. «Hier geht es uns primär darum, dass der Lohn der strukturschwächeren Mitarbeitenden mit den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt halten kann», betont Thomas Herbert, CEO & VR Magazine zum Globus AG. Mit dieser Massnahme, welche 60% aller Globus-Mitarbeitenden zugutekommt, möchte das Unternehmen einen zusätzlichen Beitrag zum Teuerungsausgleich leisten. «Insbesondere im Tieflohnbereich ist der Kaufkrafterhalt wichtig, beteuert Schubiger, da sich die Teuerung im Verhältnis zum Einkommen stärker auf das verfügbare Einkommen auswirkt.»

Lohnforderungen 2020 unter dem Zeichen der strukturellen Lohngleichheit

Eine Lohnentwicklung, die sich nach dem Wachstumskurs der Schweizer Wirtschaft und den prognostizierten Konsumentenpreisen richtet, muss heute ebenso selbstverständlich sein, wie ihre strukturelle Gleichheit. Heute verdienen Frauen im Durchschnitt 15% weniger als ihre männlichen Kollegen in derselben Position. Bei gleicher Funktion und Erfahrung ist vom Arbeitgeber jedoch der gleiche Gesamtlohn geschuldet. Als Sozialpartner setzt sich der kfmv für faire, diskriminierungsfreie und transparente Lohnsysteme in Unternehmen sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. Die Lohnforderungen des kfmv für 2020 werden in der zweiten Jahreshälfte auf kfmv.ch veröffentlicht.

Weiterführende Links

Entwicklung Löhne 2018
Grafiken_pptx_n
Entwicklung Lohnmassnahmen 2018

Interviews


– Gion-Pieder Pfister, Senior Vice President & CEO Swissport International Basel

– Thomas Herbert, CEO & VR Magazine zum Globus AG


Lohnempfehlungen


Der Ratgeber Löhne des kfmv gibt Lohnempfehlungen und Tipps für das Lohngespräch für kaufmännische Angestellte, den Detailhandel, Führungskräfte und Fachspezialisten in betriebswirtschaftlichen Berufen. Er
steht unter folgendem Link bereit.


Die Lohnforderungen des kfmv für 2020 werden in der zweiten Jahreshälfte auf unserer Webseite veröffentlicht.

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